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Glossar

Im Glossar erläutert IDA zentrale Begriffe aus seinen Arbeitsbereichen kurz und verständlich. Das Glossar wird kontinuierlich erweitert und aktualisiert. Sie vermissen einen Begriff? Schreiben Sie uns einfach an Info(at)IDAeV.de. Eine alphabetische Navigation folgt in Kürze.

Einwanderungsgesellschaft

Empowerment

Der Begriff wurde von der US-amerikanischen Bürgerrechts- und Selbsthilfebewegung geprägt und steht für Selbst-Ermächtigung oder Selbst-Befähigung. Gemeint ist damit ein Prozess, in dem benachteiligte Menschen ihre eigenen Kräfte entwickeln und Fähigkeiten nutzen, um an politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsprozessen teilzuhaben und so ihre Lebensumstände und Entwicklungsmöglichkeiten zu verbessern - unabhängig vom Wohlwollen der Mehrheitsangehörigen. Dazu zählen Konzepte und Strategien, die dazu beitragen, dass Menschen in (relativ) marginalisierten Positionen ein höheres Maß an Selbstbestimmung und Autonomie erhalten und ihre Interessen eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt vertreten und durchsetzen können. Empowerment bezeichnet dabei sowohl den Prozess der Selbstermächtigung als auch die professionelle Unterstützung der Menschen, ihre Gestaltungsspielräume und Ressourcen wahrzunehmen und zu nutzen.

Epistemische Gewalt

Epistemik bezeichnet den Vorgang des Erkennens. Epistemische Gewalt liegt dann vor, wenn z. B. westliche Wissenschaftler_innen vermeintliche oder tatsächliche Probleme von Menschen analysieren und bearbeiten, die sie dem Globalen Osten bzw. Süden zuordnen, und sie dabei die Kategorien und Deutungen der Betroffenen nicht berücksichtigen oder ihnen die eigenen Kategorien und Deutungen überstülpen und so vereinnahmen. Ein typisches Beispiel für epistemische Gewalt: In einem Gremium gegen Rassismus sitzen nur weiße, europäische Männer oder Frauen und entwerfen Lösungsansätze, ohne die betroffenen Menschen in den Prozess einzubeziehen. Dadurch können sie als Akteur_innen ihre Deutung der Welt durchsetzen. Diese Haltung hat ihre Wurzeln im Kolonialismus. Sie definiert Angehörige der kolonialisierten Länder als unveränderbar anders und implizit minderwertig. Dadurch trug bzw. trägt sie maßgeblich dazu bei, Kolonialismus und Rassismus zu rechtfertigen.

Siehe auch Dominanz, Eurozentrismus, Postkolonialismus und Sprache

Essentialisierung

Mit Essentialisierung ist die (Über-)Betonung physiognomischer Merkmale (z. B. Hautfarbe, körperliche Behinderung), Geschlechtszugehörigkeit und religiösen oder sexuellen Orientierungen gemeint. Essentialisierungen gehen mit einer Reduzierung der jeweiligen Person auf dieses eine Merkmal einher, blenden also andere Identitätsmerkmale der Person aus. Essentialisierung beinhaltet außerdem die Annahme, dass Menschen aufgrund bestimmter Merkmalen objektiv und eindeutig bestimmten Gruppen zugeordnet werden können. Diesen Gruppen und ihren (vermeintlichen) Angehörigen wird dadurch ein überzeitliches Wesen unterstellt. Essentialisierungen können von Seiten einer Einzelperson oder Gruppe als Fremdzuschreibungen fungieren. Dann gehen sie häufig mit Ausschließungspraktiken einher. Sie können aber auch als Selbstzuschreibung in Erscheinung treten, d. h. die jeweilige Person definiert sich selbst über dieses Merkmal. Auch in der Essentialisierung eigener Merkmale liegt die Gefahr, die bestehenden Vorurteile und Diskriminierungen zu aktualisieren, da die Betonung des jeweiligen Merkmals die gesellschaftliche Dichotomisierung (Zweiteilung) in „Wir“ und „Ihr“ bestätigt.

Siehe auch Differenzlinie

Ethnie

Eine Ethnie ist eine ethnisierte Gruppe. D. h. sie ist gekennzeichnet durch Vorstellungen einer kollektiven Identität (Ethnizität). Diese tatsächlichen oder vermeintlichen Gemeinsamkeiten und Verbindungen können sich auf unterschiedliche Aspekte beziehen: z. B. Sprache (wir gehören zusammen, weil wir die gleiche Sprache sprechen), Geschichte (gemeinsame Vergangenheit), Religion (gemeinsamer Glaube), Kultur (geteilte Normen, Werte, Rituale). Von Bedeutung sind auch Vorstellungen von einer gemeinsamen Herkunft („Abstammung“). Dabei ist es nicht entscheidend, ob eine Abstammungsgemeinschaft real vorliegt oder nicht: Die Bezeichnung „Ethnie“ wird vor allem über die Selbstzuschreibung der jeweiligen Gruppe definiert. Als Fremdzuschreibung können ethnisierte Merkmale allerdings auch der Legitimierung von Ausgrenzung und Diskriminierung dienen. Der Begriff wird meistens synonym zu Volk verwendet, auch um letzteren im Sinne eines Euphemismus zu vermeiden. Teilweise ersetzt Ethnie auch den Begriff „Rasse“, ebenfalls um dessen negative Konnotationen zu vermeiden.

Siehe auch Ethnisierung, Ethnozentrismus, Nation, Nationalismus und völkischer Nationalismus

Ethnisierung

Wird die Verschiedenheit zwischen Gruppen von Menschen unter Ausblendung von Gemeinsamkeiten auf „ethnische“ Unterschiede reduziert und damit soziale Prozesse erklärt, wird häufig von Ethnisierung gesprochen. Selbstethnisierung ist die Selbstbeschreibung auf Grundlage „ethnischer“ Kategorien und kann der Durchsetzung eigener Interessen oder einer Identitätspolitik dienen. Fremdethnisierung ist ein sozialer Ausschließungsprozess, der Minderheiten schafft, diese negativ bewertet und die Privilegien der Mehrheit sichert.

Siehe auch Ethnizität

Ethnizität

Ethnizität ist die Überzeugung von Menschen, einer bestimmten „Ethnie“ anzugehören oder andere „Ethnien“ als separat zu empfinden. Sie ist eine Form kollektiver Identität. Der britische Soziologe Stuart Hall betont in seiner Definition, dass Ethnizität keine feststehende natürliche Eigenschaft ist, sondern als dynamisch und kontextabhängig zu betrachten ist: „Es ist eher eine Überzeugung, eine Vorstellung, eine Bewusstseinsform, die weder natürlich noch ewig ist, sondern zu einem bestimmten Zeitpunkt durch die Umstände hervorgebracht wird. Es ist ein Halt, der dem Individuum das Gefühl gibt, irgendwo in der Welt einen Platz und eine Position zu haben. (…) Ethnizität erinnert uns daran, dass jede/r ‚irgendwo‘ herkommt – ob real oder eingebildet – und dass jede/r das Bedürfnis hat, sich mit etwas zu identifizieren und bei was auch immer zugehörig zu fühlen.“

Siehe auch Ethnisierung

Ethnopluralismus

„Ethnopluralismus“ ist eine Wortschöpfung der Neuen Rechten aus den 1970er Jahren, die hauptsächlich auf Henning Eichberg zurückgeht. In dem Konzept des „Ethnopluralismus“ werden Menschen nicht mehr in „Rassen“ eingeteilt, sondern in „Völker“ oder „Kulturen“. Diese werden als statische, kulturell homogene Gruppen mit einer einheitlichen, quasi-natürlichen „Identität“ und einer angestammten „Heimat“ betrachtet, die prinzipiell alle gleichwertig seien. Erst durch „Vermischung“ und „Multikulturalismus“ komme es zu Konflikten. Daher müssen die behaupteten Einheiten, so die Forderung, voneinander getrennt bleiben. Auf diese Weise werden dann Diskriminierungen, wie z. B. die Einschränkung von Rechten oder von Migration, begründet. Das Konzept dient dazu, rassistische Argumentation vor dem Vorwurf des Rassismus zu schützen, und sich vordergründig vom Nationalsozialismus und dem mit ihm verknüpften biologistischen Rassismus abgrenzen zu können. Offen biologische oder genetische Argumentationen werden vermieden, sind aber implizit in völkischen Kampfbegriffen wie z. B. vom „Großen Austausch“ enthalten.

Siehe auch Kulturalismus, Neorassismus und völkischer Nationalismus

Ethnozentrismus

Der von dem US-amerikanischen Soziologen W. G. Sumner geprägte Begriff betont allgemein einen auf die Eigengruppe bezogenen Egozentrismus. Im engeren Verständnis bedeutet Ethnozentrismus die Beurteilung anderer Gruppen, „Völker“ und „Kulturen“ aus der Sicht der eigenen Gruppe und der ihr zugeschriebenen Wertmaßstäbe. Dabei kann es durch Auswahl und Hervorhebung bestimmter Informationen sowie Leugnung oder Ausblendung anderer Informationen zu einer Überhöhung der Eigengruppe kommen. Im Extremfall handelt es sich um eine Deutung der Welt, in der die eigene Gruppe das Zentrum aller „guten Dinge“ ist und alle anderen als negativ bewertet werden.

Exotisierung

Exotisierung ist eine Strategie des Othering, die der Stereotypisierung und Hierarchisierung konstruierter sozialer Gruppen dient. Dazu werden meistens vordergründig positive Attribute wie eine besondere Naturverbundenheit, freizügige Sexualität, gesunde Körperlichkeit oder Emotionalität genutzt, die die betroffenen Menschen als grundlegend anders und implizit als „unzivilisiert“ darstellen. Wie negative Zuschreibungen dienen auch exotisierende dem modernen westlichen Individuum dazu, sich seiner Identität und vermeintlicher Tugenden wie, z. B. Arbeitsamkeit und Diszipliniertheit, zu versichern. Bedürfnisse, die aufgrund der gesellschaftlichen Verfasstheit nicht ausgelebt werden können, werden auf „die Anderen“ projiziert. Dieser Vorgang stabilisiert die gesellschaftliche Ordnung, da Aggressionen, die gegen diese gerichtet werden könnten, auf „die Anderen“ abgeleitet werden. Umgekehrt drückt sich Exotisierung in der scheinbar harmlosen Faszination für „das Fremde“ und in dem Verlangen aus, die konstruierte Andersheit „der Anderen“ zu genießen und dadurch die Grenzen und Konventionen der gesellschaftlichen Ordnung zu überschreiten. Beispiele für Exotisierungen sind: die romantisierende Darstellung von „Zi.“ (siehe Gadje-Rassismus); die idealisierende Darstellung des „Orient“ in den „Geschichten von 1001 Nacht“; die Darstellung „exotischer“ Länder als Reiseziel für Abenteurer_innen; die Darstellung Afrikas und Schwarzer Menschen – vor allem Schwarzer Frauen – als mysteriös und geheimnisvoll, aber faszinierend. In der Werbung ist Exotisierung daher häufig mit einer sexualisierenden Darstellung von Frauen verbunden. Der ideologische Gehalt der Exotisierung wird als Exotismus bezeichnet und ist eine Spielart des Rassismus.

Siehe auch epistemische Gewalt, Rassifizierung, symbolische Macht und Sexismus