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Glossar

Im Glossar erläutert IDA zentrale Begriffe aus seinen Arbeitsbereichen kurz und verständlich. Das Glossar wird kontinuierlich erweitert und aktualisiert. Sie vermissen einen Begriff? Schreiben Sie uns einfach an Info(at)IDAeV.de. Eine alphabetische Navigation folgt in Kürze.

Migrant_innenselbstorganisationen

Unter MSO werden Vereine, Organisationen und Zusammenschlüsse von Menschen, die über eigene Migrationserfahrung verfügen oder einen Migrationshintergrund zugeschrieben bekommen und sich dauerhaft und mit unterschiedlichen Zielen zusammenschließen. Das Spektrum der Vereine ist äußerst breit und reicht von religiösen bis zu politischen MSO, umfasst herkunftshomogene und herkunftsheterogene, zielgruppenspezifische (wie z. B. Frauenvereinen) oder zielgruppenübergreifende Organisationen. Für Organisationen, die von Jugendlichen mit Migrationshintergrund gegründet werden, hat sich der Begriff Verein oder Verband von Jugendlichen mit Migrationshintergrund (VJM) etabliert.

Migration

Der Begriff Migration bezeichnet auf Dauer angelegte Wechsel des Wohnortes von Personen. Dabei kann es sich um Wanderungsbewegungen innerhalb eines Staatsgebietes (Binnenmigration) oder um eine Staatsgrenzen überschreitende Wanderungsbewegung handeln (internationale Migration). Es wird zwischen zwei verschiedenen Formen der Migration unterschieden: freiwillige (z. B. Arbeitsmigration, Familienmigration, Altersmigration) und unfreiwillige Migration (z. B. Flucht, Vertreibung, Sklaverei). Migration ist kein ausschließliches Phänomen der Moderne. Dass Menschen ihren Geburtsort oder das Geburtsland verlassen, gehört seit jeher zur Geschichte der Menschheit.

Migrationsgesellschaft

Der Begriff Migrationsgesellschaft ist im Jahr 2004 von Paul Mecheril im Rahmen seines Entwurfs einer Migrationspädagogik geprägt worden. Er geht über die Begriffe der „Einwanderungs- oder Zuwanderungsgesellschaft“ hinaus. Denn im Gegensatz zu ihnen setzt Migrationsgesellschaft Nationalstaaten nicht als selbstverständliche nach außen abgeschlossene Bezugsgrößen von Migrationsphänomenen voraus. Dadurch schließt der Begriff Migrationsgesellschaft erstens ein weiteres Spektrum von historischen und gegenwärtigen Wanderungsphänomenen ein, z. B. Pendelmigration. Zweitens erfasst er Phänomene, die für Migrationsgesellschaften – also potenziell für die Erfahrungen aller ihrer Angehörigen – charakteristisch sind. Dazu zählen u. a. die Entstehung transnationaler sozialer Räume und Zugehörigkeiten, Hybridität, die Herstellung von Fremdheit (Othering), Alltagsrassismus, die Aushandlung von Grenzvorstellungen und Zugehörigkeitsordnungen. Drittens entzieht sich der Begriff Migrationsgesellschaft dem interessengeleiteten Zweck, das Prinzip der Nationalstaaten weltweit zu stabilisieren.

Siehe auch Migration, Nation, Nationalismus und Rassismus

Migrationshintergrund

Nachdem die Unterscheidung zwischen „Ausländer_innen“ und „Deutschen“ als unzureichend für die Beschreibung migrationsbedingter Diversität in der Bundesrepublik wahrgenommen wurde, ist mit dem Mikrozensusgesetz von 2004 der Begriff des „Migrationshintergrundes“ eingeführt worden. Das für die Durchführung des Mikrozensus zuständige Statistische Bundesamt erhebt regelmäßig, wer in Deutschland einen Migrationshintergrund hat, und definiert: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzt“. Auch Deutsche können also mit einem Migrationshintergrund betitelt werden, selbst wenn ihre Familie seit vielen Generationen in Deutschland lebt. Der Begriff zieht also unabhängig von der Staatsbürgerschaft der Betroffenen eine Grenze zwischen „normalen“ und „nicht normalen“ Deutschen. Mit anderen Worten bezieht er sich auf eine Norm, nämlich nicht migriert zu sein, und ermöglicht es, diejenigen zu markieren, die von dieser Norm abweichen. Nach der Einführung auf institutioneller Ebene hat sich der Begriff auch im alltäglichen Sprachgebrauch durchgesetzt, wenn deutlich gemacht werden soll, dass jemand vielleicht kein_e „Ausländer_in“ im staatsbürgerlichen Sinn ist, aber doch  von einer vermeintlichen Norm des „Deutschen“ abweicht. D. h. spielen auch rassistische Vorannahmen aufgrund des Aussehens eine Rolle, die zu einem klassischen Othering Anlass geben. Um Repräsentationsverhältnisse und rassistische Strukturen (bspw. in Führungspositionen oder in staatlichen Behörden) zu beschreiben ist das Konzept ebenfalls nicht hilfreich, da die rassistische Diskreditierbarkeit von Menschen unabhängig vom „Migrationshintergrund“ ist (bspw. gibt es Schwarze oder muslimische Deutsche, die der Definition zufolge keinen „Migrationshintergrund“ haben). Deswegen werden Forderungen laut, statt des Migrationshintergrundes die Rassismus- bzw. Diskriminierungserfahrungen von Menschen zu messen.

Siehe auch Migration und Weißsein

Migrationspädagogik

Die Migrationspädagogik wurde zu Beginn der 2000er Jahre erstmals von Paul Mecheril als eine Perspektive auf das Verhältnis von Pädagogik und Migration systematisch dargestellt. Im Unterschied zu den kulturalisierenden Herangehensweisen der Ausländerpädagogik und Interkulturellen Pädagogik setzt die Migrationspädagogik „kulturelle Differenzen“ nicht voraus, sondern stellt die angenommene Naturhaftigkeit und die vermeintliche Unveränderlichkeit, die „Kulturen“ zugesprochen wird, sogar infrage. „Kulturelle Differenz“ wird nicht als selbstverständlich existenter Unterschied, sondern als Praxis des Unterscheidens betrachtet, auf die unter bestimmten Bedingungen Akteur_innen (z. B. Pädagog_innen) zurückgreifen. Migrationspädagogik befasst sich also damit, wie Ordnungen der Zugehörigkeit unter den bestehenden rassistischen Machtverhältnissen politisch, kulturell, juristisch und in Interaktionen hergestellt werden, innerhalb derer Menschen unterschieden und so positioniert werden, dass ihnen unterschiedliche Werte der Anerkennung und Möglichkeiten des Handelns zugewiesen werden. Aus dieser Beschäftigung leitet die Migrationspädagogik keine konkreten pädagogischen Handlungsvorgaben ab, sondern fordert dessen kontinuierliche Reflexion.

Siehe auch Kultur

Einen ausführlichen Artikel zum Thema inkl. weiterführender Literatur finden Sie im Konzeptpool unserer Vielfalt-Mediathek.

Mikroaggressionen

Unter Mikroaggressionen werden die Folgen bewusster und unbewusster Akte verstanden, die durch offene und subtile Botschaften strukturell diskriminierte Menschen wiederholt und nadelstichartig verletzen, indem sie sie stereotypisieren, entwürdigen und symbolisch aus der Normalität ausschließen. Beispiele für Mikroaggressionen sind Alltagsrassismen.

Moslem

Siehe Muslim_a

MSO

Muslim_a

Die Begriffe Muslim* und Muslima* bzw. der weniger gebräuchliche Begriff des Moslem bezeichnen Personen, die dem Islam angehören. Dabei sagt die Bezeichnung noch nichts über die Richtung des Islam (u. a. Alevit_innen, Schiit_innen, Sunnit_innen) oder den Grad der Religiosität aus. Einer oft zitierten Schätzung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge aus dem Jahr 2016 zufolge leben in Deutschland etwa 4,4 bis 4,7 Mio. Muslim_as. Dies entspricht einem Bevölkerungsanteil von 5,4 bis 5,7%. Wie viele praktizierende Muslim_as genau in Deutschland leben, ist aufgrund unterschiedlicher Methoden der Befragung und Hochrechnung, fehlender statistischer Daten und Ungenauigkeiten bei der Erfassung der Religionszugehörigkeit aber nicht genau ermittelbar. Die genannte Schätzung des BAMF ist wahrscheinlich zu hoch, da auch nicht-gläubige Muslim_as als „Muslime“ markiert wurden bzw. sich als solche bezeichneten. Dies sagt einerseits etwas über die ethnisierende gesellschaftliche Wahrnehmung der Kategorie „Muslim“ aus. Wenn sich Menschen als Muslim_a bezeichnen, obwohl sie nicht gläubig und praktizierend sind, kann dies andererseits wiederum eine Reaktion auf Fremdzuschreibungen und Diskriminierungen als „Muslim“ sein kann.

Siehe auch antimuslimischer Rassismus

Muslima

Siehe Muslim_a

Muslimfeindlichkeit

Der Begriff „Muslimfeindlichkeit” wird häufig synonym zu „Islamfeindlichkeit” und „Islamophobie” verwendet. Im Rahmen des Konzepts der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) dient er seit 2016 dazu, um entsprechende Einstellungsmuster zu bezeichnen. Neben den Kritikpunkten, die auch auf die Begriffe „Islamfeindlichkeit” und „Islamophobie” zutreffen, ist er als unpräzise zu kritisieren, da sich feindselige Einstellungen und Handlungen nicht nur gegen praktizierende Muslim_as, sondern auch gegen Menschen richten, die als „Muslime” markiert werden.

Siehe auch antimuslimischer Rassismus