IDA e.V. auf Facebook
IDA e.V. auf Instagram
RSS Feed abonnieren

Glossar

Im Glossar erläutert IDA zentrale Begriffe aus seinen Arbeitsbereichen kurz und verständlich. Das Glossar wird kontinuierlich erweitert und aktualisiert. Sie vermissen einen Begriff? Schreiben Sie uns einfach an Info(at)IDAeV.de.

Gadje-Rassismus

Gadje-Rassismus ist ein Begriff, den Romani-Aktivist:innen und -Wissenschaftler:innen vorgeschlagen haben, um die Bezeichnung „Antiziganismus“ zu ersetzen. Er hat u. a. den Vorteil, dass er keine homogene Gruppe der von ihm Betroffenen unterstellt, sondern den Blick auf die Mehrheitsgesellschaft und die Funktionen lenkt, die Gadje-Rassismus für sie erfüllt (Gadje bezeichnet im Romanes Nicht-Rom:nja, bedeutet aber auch Bauer, Mann, Mensch: Sg. männlich: Gadjo, weiblich: Gadji, Pl.: Gadje). Denn unter Gadje-Rassismus ist eine historisch gewachsene Praxis zu verstehen, die von Nicht-Rom:nja ausgeht. Sie klassifiziert Menschen unter Bezugnahme einerseits auf phänotypische und kulturelle Merkmale (ethnisierende Definition) und/oder soziale Merkmale (soziale Definition), die als (so gut wie) unveränderlich verstanden werden, in eine unveränderlich gedachte Fremdgruppe, deren Angehörige dann mittels Fremdbezeichnungen wie „Zi.“, „Landfahrer“, „mobile ethnische Minderheit“, Zuschreibungen von wesenhaften und normabweichenden Eigenschaften und Verhalten homogenisiert und stigmatisiert werden.

Zentrale Zuschreibungen des Gadje-Rassismus an die Betroffenen sind: Nicht-Identität (die Betroffenen werden als Dritte dargestellt, die an keinem Ort zu Hause sind. Sie dienen als Anti-These zu Nationalität, Religion und Moral), Parasitentum (den Betroffenen wird unterstellt auf Kosten anderer zu leben) und Vormodernität (die Betroffenen werden als trieb- und naturhaft beschrieben, als unfähig zu Zivilisation, Vernunft und einer planvollen, zukunftsgerichteten Tätigkeit, also zum Überleben in einer modernen industriekapitalistischen Gesellschaft). Diese Zuschreibungen sind im kulturellen Gedächtnis der Gadje verankert und treten häufig in romantisierender Form auf, indem sie das „sorglose“, „freie“ und „ungebundene“ Leben der Betroffenen verklären (siehe Exotisierung). Auf diese Weise verschleiern sie den abwertenden Gehalt romantisierender Zuschreibungen und den für die Situation der Betroffenen tatsächlich verantwortlichen Gadje-Rassismus. Sie führen zu und rechtfertigen diskriminierende Praktiken der Gadje auf interaktionaler, institutioneller und gesellschaftlich-kultureller Ebene, die u. a. Akte der Gewalt bis hin zur Vernichtung umfassen und die Lebenschancen der Betroffenen einschränken.

Siehe auch Antiromaismus, Rassismus, Sinti:zze und Rom:nja und Sprache